Qualitative Forschung¶
Im Gegensatz zur quantitativen Forschung, die objektive Messung und statistische Muster verfolgt, ist Qualitative Forschung eine explorative Reise, die darauf abzielt, die tieferen Bedeutungen menschlicher Erfahrung zu verstehen. Sie begnügt sich nicht mit Antworten auf „Was ist es?“ oder „Wie viel?“, sondern stellt beharrlich die Fragen „Warum?“ und „Wie?“. Der Kern qualitativer Forschung liegt darin, das Verhalten, die Motivationen, Überzeugungen und Erfahrungen von Einzelpersonen oder Gruppen tiefgehend und umfassend zu erforschen, mit dem Ziel, Bedeutungen zu entdecken und Theorien aus nicht-numerischen, beschreibenden Daten (wie Sprache, Text, Bildern, Verhalten) zu entwickeln.
Wenn Sie verstehen möchten, warum Benutzer von Ihrem Produkt verwirrt sind, oder wenn Sie die interne Logik eines bestimmten soziokulturellen Phänomens erforschen möchten, zeigt qualitative Forschung ihre besondere Stärke. Sie verallgemeinert nicht mit Zahlen, sondern enthüllt durch Geschichten; sie überprüft keine vorab formulierten Hypothesen, sondern entdeckt neue Einsichten in reichen, realen Kontexten.
Kernphilosophie der qualitativen Forschung¶
Qualitative Forschung basiert auf den philosophischen Grundlagen des Interpretivismus oder Konstruktivismus und geht davon aus, dass Realität subjektiv, vielfältig und durch soziale Interaktion konstruiert wird.
- Kontextbezogen: Qualitative Forschung betont, dass Forschende ihre Untersuchungsobjekte in deren natürlichem, realen Umfeld verstehen müssen. Ohne Kontext können Verhalten und Sprache ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren.
- Interpretativ: Der Forscher selbst ist das wichtigste Forschungsinstrument. Der Forschungsprozess umfasst eine tiefe, subjektive Interpretation und Analyse der erhobenen Daten, um zentrale Themen und Muster herauszuarbeiten.
- Entstehend: Forschungsdesigns sind typischerweise flexibel und offen, und Forschungsfragen sowie Schwerpunkte können sich im Laufe der Untersuchung anpassen und weiterentwickeln. Ziel ist es oft, Theorien aus den Daten „wachsen“ zu lassen, statt bestehende Theorien zu testen.
- Ganzheitlich: Qualitative Forschung versucht, das Forschungsobjekt als komplexes Ganzes zu verstehen, wobei der Fokus auf den Zusammenhängen und dynamischen Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Teilen liegt.
Methodenübersicht der qualitativen Forschung¶
graph TD
A(Qualitative Research) --> B(Core Objective: In-depth Understanding);
A --> C(Data Sources);
A --> D(Common Methods);
A --> E(Analysis Techniques);
C --> C1(Interview Transcripts);
C --> C2(Focus Group Discussions);
C --> C3(Field Notes);
C --> C4(Documents/Images);
D --> D1(In-depth Interviews);
D --> D2(Participant Observation);
D --> D3(Case Study);
D --> D4(Ethnography);
E --> E1(Thematic Analysis);
E --> E2(Content Analysis);
E --> E3(Grounded Theory Coding);
Wie man qualitative Forschung durchführt¶
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Erkundungsfördernde Forschungsfragen formulieren Qualitative Forschungsfragen sind üblicherweise offen formuliert und beginnen mit „Wie“, „Auf welche Weise“ oder „Was“. Beispiel: „Welche mentale Reise und welche Bedienungshürden erleben Benutzer beim ersten Gebrauch unserer App?“
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Auswahl der Forschungsteilnehmer Qualitative Forschung zielt nicht auf statistische Repräsentativität der Stichprobe ab, sondern verwendet zweckbezogene Stichprobenziehung, das heißt, gezielt Personen oder Fälle auszuwählen, die die reichsten und tiefsten Informationen zu der Forschungsfrage liefern können.
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Datenerhebung Sammlung von Daten mithilfe geeigneter qualitativer Methoden. Dies kann ein langer und intensiver Prozess sein.
- Tiefganginterviews: Durchführung von Einzelinterviews in halbstrukturierter Form, um die Teilnehmer zu ermutigen, ihre Geschichten und Gefühle zu teilen.
- Gruppendiskussionen (Focus Groups): Organisation einer kleinen Gruppe (meist 6–8 Personen) zu einer gemeinsamen Diskussion, um deren Interaktionen und Meinungsaustausch zu beobachten.
- Beobachtung: Beobachtung des Verhaltens von Menschen in ihrem natürlichen Umfeld, ohne sie zu stören oder daran teilzunehmen.
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Datenanalyse und Kodierung Dies ist der anspruchsvollste Schritt in der qualitativen Forschung. Forschende müssen große Mengen an Text- oder Bilddaten mehrfach lesen und ordnen, um mithilfe von Kodierung die Daten aufzubrechen, zu vergleichen und neu zusammenzufügen, um wiederkehrende Themen, Muster und Kategorien zu identifizieren.
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Interpretation und Theoriebildung Auf der Grundlage der analysierten Kernthemen müssen Forschende ein logisches, tiefgehendes Erklärungsmodell oder eine Erzählung entwickeln, um die ursprünglichen Forschungsfragen zu beantworten, und dabei möglicherweise neue theoretische Einsichten gewinnen.
Anwendungsbeispiele¶
Fallbeispiel 1: Erforschung des Nutzererlebnisses von Smart Speakern in Haushalten mit älteren Menschen
- Szenario: Ein Technologieunternehmen möchte herausfinden, ob sein neu entwickelter Smart Speaker für ältere Benutzer geeignet ist.
- Anwendung: Das Forschungsteam rekrutierte 10 Haushalte mit älteren Menschen und stellte ihnen kostenlos Smart Speaker zur Verfügung. Im nächsten Monat führten Forscher regelmäßig Interviews zu Hause und führten unauffällige Beobachtungen in Ecken der Wohnzimmer durch, um aufzuzeichnen, wie die älteren Menschen mit dem Gerät interagierten, welche Schwierigkeiten auftraten (z. B. Probleme bei der Erkennung von Akzenten), kreative Anwendungen (z. B. als Wettervorhersage oder Opernspieler) und emotionale Reaktionen auf dieses „neue Familienmitglied“. Der abschließende Bericht enthielt viele lebendige Geschichten und Details, die äußerst wertvolle Einsichten lieferten, die reine Daten allein nicht hätten erfassen können, um das Produkt weiterzuentwickeln.
Fallbeispiel 2: Verständnis dafür, warum eine Innovationskultur im Unternehmen schwer umsetzbar ist
- Szenario: Der CEO eines großen Unternehmens stellte fest, dass trotz wiederholter Betonung von „Innovation“ auf Unternehmensebene die Innovationskraft der Basismitarbeiter unzureichend blieb.
- Anwendung: Ein Organisationsentwicklungsberater führte eine zweiwöchige „ethnografische“ Studie in drei verschiedenen Abteilungen des Unternehmens durch. Er nahm als „Praktikant“ am täglichen Arbeits- und Meetingleben der Abteilungen teil und führte während gemeinsamer Mittagspausen informelle Gespräche mit Mitarbeitern. Dabei stellte er fest, dass zwar die Parolen laut waren, das Leistungsbewertungssystem des Unternehmens jedoch weiterhin nur kurzfristige Leistungen belohnte und eine äußerst geringe Fehlertoleranz bestand. Die Mitarbeiter vertraten insgeheim die Meinung, dass „Innovation hochriskant und wenig belohnt“ sei, und diese tief verwurzelte Überzeugung war die Hauptursache für das Innovationshindernis.
Fallbeispiel 3: Finden von Designinspiration für eine neue Reise-App
- Szenario: Ein Start-up-Team möchte eine einzigartige Reise-App entwickeln.
- Anwendung: Das Team organisierte drei separate Gruppendiskussionen mit Rucksacktouristen, Familienreisenden und Geschäftsreisenden. In den Diskussionen fragte das Team nicht direkt nach „Welche Funktionen braucht ihr?“, sondern leitete die Teilnehmer dazu an, ihre denkwürdigsten und schlimmsten Reiseerlebnisse zu erzählen. Durch die Analyse dieser Geschichten stellte sich heraus, dass „unerwartete Überraschungen“ und „echte Beziehungen zu Einheimischen“ entscheidend für gute Erinnerungen waren, während „Informationsüberflutung“ und „Standardisierte Reiseführer“ die größten Probleme darstellten. Diese Erkenntnisse führten letztendlich zum Konzept einer App, die sich auf „das Erkunden des Unbekannten“ und „Touren mit Einheimischen“ konzentriert.
Vorteile und Grenzen qualitativer Forschung¶
Kernvorteile
- Tiefe und Reichhaltigkeit: Kann ein reiches, tiefgehendes Verständnis von Phänomenen vermitteln.
- Kontextualität: Versteht Verhalten und Bedeutung in realen, natürlichen Umgebungen.
- Flexibilität: Kann den Forschungsfokus während des Forschungsprozesses flexibel an neue Entdeckungen anpassen.
- Entdeckung neuer Theorien: Eignet sich hervorragend, um unbekannte Bereiche zu erforschen und neue theoretische Modelle daraus abzuleiten.
Mögliche Grenzen
- Hohe Subjektivität: Die Forschungsergebnisse hängen stark von der persönlichen Interpretation und Analysefähigkeit des Forschers ab.
- Kleine Stichprobengröße, begrenzte Verallgemeinerbarkeit: Forschungsergebnisse können in der Regel nicht direkt auf größere Bevölkerungsgruppen übertragen werden.
- Zeit- und arbeitsintensiv: Der Prozess der Datenerhebung und -analyse ist meist sehr zeit- und arbeitsaufwendig.
- Schwierigkeit der Replikation: Aufgrund der kontextuellen Natur und der Subjektivität des Forschers ist der Forschungsprozess schwer exakt nachvollziehbar.
Erweiterungen und Verbindungen¶
- Quantitative Forschung: Qualitative Forschung ergänzt quantitative Forschung perfekt. Wenn quantitative Forschung makroskopische Muster entdeckt, kann qualitative Forschung eingesetzt werden, um die zugrundeliegenden Gründe tiefgehend zu erforschen.
- Mixed-Methods-Forschung: Die Kombination qualitativer und quantitativer Forschung ist ein Mainstream-Trend in der aktuellen Forschung, mit dem Ziel, die Vorteile beider Methoden zu kombinieren.
Referenz: Die Wurzeln der qualitativen Forschung lassen sich auf Max Webers „verstehende Soziologie“ zurückverfolgen. „The SAGE Handbook of Qualitative Research“, herausgegeben von Norman K. Denzin und Yvonna S. Lincoln, ist eines der maßgeblichsten und umfassendsten Referenzwerke in diesem Bereich.