Cornell-System zur Mitschriftenerstellung¶
Beim Besuch von Vorlesungen, Meetings oder beim Lesen befinden uns häufig in einem Dilemma: Wenn wir hektisch alles aufschreiben, um den gesamten Inhalt festzuhalten, verlieren wir oft den Überblick über die Hauptideen und „sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“. Wenn wir hingegen nur zuhören, ohne Notizen zu machen, könnten wir bereits nach einigen Stunden oder Tagen den Großteil der wichtigen Informationen vergessen. Das Cornell-System zur Mitschriftenerstellung, entwickelt von Professor Walter Pauk von der Cornell University in den 1950er Jahren, ist ein weltweit bekanntes hoch effektives System zur Mitschriftenerstellung, das dieses Problem lösen soll.
Der Kern des Cornell-Systems liegt nicht in der Frage „wie man Notizen macht“, sondern darin, die Schlüsselphasen des Lernens – Aufzeichnen, Vereinfachen, Wiederholen und Reflektieren – durch ein einzigartiges Seitendesign systematisch zu integrieren. Es teilt eine Notizenseite klar in drei (oder vier) unterschiedliche Bereiche, von denen jeder eine spezifische Funktion hat. Dieser strukturierte Ansatz zwingt uns dazu, uns beim Schreiben der Notizen aktiv mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, wodurch die Lerneffizienz, die Tiefe des Verständnisses und die langfristige Wissensspeicherung stark verbessert werden.
Seitenlayout des Cornell-Systems¶
Der Kern des Cornell-Systems ist seine einzigartige Drei-Bereiche-Struktur.
- Notizenbereich: Befindet sich auf der rechten Seite der Seite und ist der größte Bereich. Hier werden Echtzeit-Notizen während der Vorlesung oder beim Lesen gemacht.
- Stichwortspalte: Eine schmalere Spalte auf der linken Seite der Seite. Hier werden nach der Vorlesung Kernbegriffe, Fragen oder Stichwörter aus dem Hauptnotizenbereich extrahiert und vereinfacht.
- Zusammenfassungsbereich: Befindet sich am unteren Ende der Seite. Hier wird nach der Vorlesung die Kernidee der gesamten Seite in ein oder zwei Sätzen zusammengefasst.
Vorlage des Cornell-Systems¶
graph TD
subgraph Cornell Note-Taking Method Page Layout
direction TB
A(<b>Thema/Datum</b>) --> B(<b>Notizenbereich</b><br/><i>(Rechte Seite, ca. 70% der Seite)</i><br/>- Notizen während Vorlesungen/Lesen machen<br/>- Kompakt schreiben, Abkürzungen und Symbole verwenden<br/>- Kernkonzepte, Beispiele, Formeln aufnehmen);
A --> C(<b>Stichwortspalte</b><br/><i>(Linke Seite, ca. 30% der Seite)</i><br/>- Nach der Vorlesung basierend auf dem Inhalt des Notizenbereichs<br/>- <b>Schlüsselbegriffe, Fragen oder Stichwörter</b> hier extrahieren);
B & C --> D(<b>Zusammenfassungsbereich</b><br/><i>(Unten)</i><br/>- Nach der Vorlesung in ein oder zwei Sätzen<br/>- Die <b>Kernidee</b> der gesamten Notizenseite kurz zusammenfassen);
end
So wendet man das Cornell-System an (5R-Prinzipien)¶
Der Erfinder des Cornell-Systems fasste die Anwendung in fünf logisch klare Schritte zusammen, bekannt als die „5R-Prinzipien“.
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Aufzeichnen (Record)
- Wann: Während der Vorlesung oder beim Lesen.
- Aktion: Im Notizenbereich (rechte Seite) wichtige Informationen möglichst effizient aufzeichnen. Nicht nach vollständigen Sätzen streben; stattdessen eigene Worte, Abkürzungen, Symbole und Listen verwenden, um Kernargumente, Konzepte, Beispiele und Formeln festzuhalten.
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Vereinfachen / Fragen stellen (Reduce/Question)
- Wann: Nach der Vorlesung oder dem Lesen, möglichst noch am selben Tag.
- Aktion: Den Inhalt des Notizenbereichs sorgfältig überprüfen. Danach im Stichwortbereich (linke Seite) für jede Notiz auf der rechten Seite ein Schlüsselwort oder eine kurze Frage extrahieren. Diese Stichwörter dienen als „Trigger“ für zukünftige Wiederholungen. Beispiel: Wenn auf der rechten Seite der detaillierte Ablauf der „Photosynthese“ notiert ist, könnte das Stichwort auf der linken Seite lauten: „Ablauf der Photosynthese?“ oder „Bestandteile der Photosynthese?“
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Rekapitulieren (Recite)
- Wann: Nach dem Vereinfachen / Fragenstellen.
- Aktion: Den Notizenbereich auf der rechten Seite abdecken, nur die Schlüsselwörter oder Fragen in der Stichwortspalte links ansehen und dann versuchen, den Inhalt der rechten Seite vollständig und klar auswendig zu rekapitulieren. Dieser Prozess ist entscheidend, um zu testen, ob man das Wissen wirklich verstanden und behalten hat; es handelt sich um ein aktives Abruftraining.
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Reflektieren (Reflect)
- Wann: Nach dem Rekapitulieren.
- Aktion: Einige Minuten in tieferes Denken investieren. Fragen wie: „Welche Bedeutung hat dieses Wissen?“, „Wie hängt es mit meinem bereits vorhandenen Wissen zusammen?“, „Wie kann ich dieses Wissen anwenden?“ stellen. Diese Gedanken und Erkenntnisse können am Rand der Notizen oder mit einem andersfarbigen Stift markiert werden.
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Wiederholen (Review)
- Wann: Regelmäßig und schnell.
- Aktion: Täglich zehn Minuten nehmen, um schnell die Stichwortspalte und den Zusammenfassungsbereich aller Notizen durchzusehen. Diese hochfrequente, aber geringfügige Wiederholung ist die effektivste Methode, um der „Ebbinghaus'schen Vergessenskurve“ entgegenzuwirken und ein langfristiges Behalten des Wissens sicherzustellen.
Anwendungsbeispiele¶
Beispiel 1: Student in einer Geschichtsvorlesung
- Thema: Ursachen der Französischen Revolution.
- Notizenbereich (rechte Seite): Notiert Details zu Schlüsselereignissen und Konzepten, die der Dozent erwähnt, wie z. B. „Ständeversammlung“, „Finanzkrise“, „Aufklärungsideen“, „Sturm auf die Bastille“.
- Stichwortspalte (linke Seite): Nach der Vorlesung stellt er Fragen wie „Gesellschaftsstruktur vor der Revolution?“, „Kern der Aufklärungsideen?“, „Auslöser der Revolution?“.
- Zusammenfassungsbereich (unten): Fasst in einem Satz zusammen: „Im späten 18. Jahrhundert entfachte Frankreich unter dem Zusammenspiel tiefgreifender sozialer Ungleichheit, Finanzkrise und Aufklärungsideen schließlich die bürgerliche Revolution durch den Sturm auf die Bastille.“
- Wiederholung: Vor der Abschlussprüfung muss er nicht das gesamte Lehrbuch erneut lesen; er durchsucht einfach schnell die Stichwortspalte links und den Zusammenfassungsbereich unten aller Notizen, um den gesamten Semesterstoff effizient zu verknüpfen.
Beispiel 2: Teilnahme an einem Kick-off-Meeting
- Thema: Q4 „Projekt Vogel fliegt“ Kick-off-Meeting.
- Notizenbereich (rechte Seite): Notiert klare Projektziele, wichtige Meilensteine, Zeitpläne und verantwortliche Personen für jede Abteilung, die im Meeting erwähnt wurden.
- Stichwortspalte (linke Seite): Nach dem Meeting stellt er Stichwörter wie „Kernziele des Projekts?“, „Meine konkreten Aufgaben?“, „Hauptrisiken?“, „Personen, die nachgefasst werden müssen?“ zusammen.
- Zusammenfassungsbereich (unten): „Dieses Meeting klärte, dass das Ziel des ‚Projekts Vogel fliegt‘ ist, bis Jahresende V1 zu veröffentlichen. Meine Kernaufgabe ist, für das Modul Nutzerforschung verantwortlich zu sein, und ich muss bis Freitag die konkreten Anforderungen mit dem Produktmanager Herrn Wang abstimmen.“
- Anwendung: Diese strukturierte Notiz wird zur klaren Grundlage für seine nachfolgende Arbeit und die Erstellung des Meeting-Protokolls.
Beispiel 3: Lesen eines Sachbuchs
- Thema: Kapitel 5 von „Schnelles Denken, langsames Denken“.
- Notizenbereich (rechte Seite): Notiert die Kernmerkmale von „System 1“ und „System 2“, klassische Experimente (z. B. „Linda-Problem“) und den Argumentationsprozess des Autors.
- Stichwortspalte (linke Seite): Extrahiert Fragen wie „System 1 vs. System 2?“, „Was sind Heuristiken?“, „Beispiel für den Anker-Effekt?“.
- Zusammenfassungsbereich (unten): „Unser Gehirn hat zwei Denksysteme, schnell und langsam. Das intuitive System 1 ist zwar effizient, führt aber oft aufgrund verschiedener kognitiver Verzerrungen zu irrationalen Entscheidungen.“
- Reflexion: In der „Reflexions“-Phase könnte er schreiben: „Das erklärt, warum ich immer unnötige Dinge kaufe, wenn es im Supermarkt Rabatte gibt. Bei wichtigen Entscheidungen sollte ich bewusst System 2 aktivieren und langsamer denken.“
Vorteile und Herausforderungen des Cornell-Systems¶
Kernvorteile
- Fördert aktives Lernen: Es zwingt dich nicht nur, mechanisch abzuschreiben, sondern nach der Vorlesung zu vereinfachen, zu fragen und zusammenzufassen – ein aktiver Prozess der tiefen Informationsverarbeitung.
- Hoch effizient für Lernen und Wiederholung: Strukturierte Notizen machen das Wiederholen klar und einfach zu erfassen, was die Effizienz stark verbessert.
- Verbessert das Wissensbehaltungsvermögen: Die Phasen „Rekapitulieren“ und „Regelmäßige Wiederholung“ stimmen perfekt mit den kognitiven Prinzipien von „aktivem Abruf“ und „räumlicher Wiederholung“ überein.
- Fördert systematisches Denken: Durch das kontinuierliche Extrahieren von Kernpunkten und Zusammenfassen trainiert es effektiv unsere induktiven und systematischen Denkfähigkeiten.
Potenzielle Herausforderungen
- Erfordert zusätzlichen Zeitaufwand: Im Vergleich zu einfachen linearen Notizen erfordert das Cornell-System zusätzliche Zeit nach der Vorlesung für Organisation und Zusammenfassung.
- Nicht für alle Szenarien geeignet: Für stark divergierende, unstrukturierte Diskussionen (wie Brainstorming) oder Fächer, die umfangreiches Zeichnen erfordern (wie Architektur, Kunst), ist das traditionelle Cornell-System möglicherweise nicht die beste Wahl.
- Erfordert Ausdauer und Selbstdisziplin: Seine größte Wirkung entfaltet es, wenn die „5R“-Prinzipien vollständig und konsequent umgesetzt werden. Wenn nur der erste Schritt „Aufzeichnen“ durchgeführt wird und die nachfolgende Organisation und Wiederholung vernachlässigt werden, sinkt seine Effektivität stark.
Erweiterungen und Verknüpfungen¶
- Mind Mapping: Für stark vernetzte, nicht-lineare Themen kann man zunächst Mind Mapping nutzen, um Ideen zu sammeln und zu ordnen, und anschließend den Kerninhalt in strukturierten Cornell-Notizen organisieren, um das Lernen und Wiederholen zu vereinfachen.
- Feynman-Technik: Die Phase „Rekapitulieren“ im Cornell-System passt perfekt zur Kernidee der „Erklären wie einem Kind“-Methode der Feynman-Technik, bei der beide Techniken „Output“ nutzen, um „Input“ zu testen und zu festigen.
Referenz: Dr. Walter Pauk stellte das Cornell-System erstmals in seinem 1962 erschienenen Bestseller „How to Study in College“ der Welt vor. Diese Methode wird bis heute von Universitäten und Bildungseinrichtungen weltweit als eine der effektivsten und wissenschaftlich fundierten Methoden zur Erstellung von Notizen empfohlen.