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Grounded Theory

In der weiten Landschaft der Sozialforschung gibt es Situationen, in denen bestehende Theorien nicht ausreichen, um komplexe soziale Phänomene zu erklären, oder wenn wir völlig neue Bereiche erforschen, für die es keinen etablierten theoretischen Rahmen gibt. In solchen Fällen ist die bloße Verifikation bestehender Theorien unzureichend; wir benötigen eine Methode, die es uns ermöglicht, vollständig neue Theorien direkt aus Daten zu konstruieren. Grounded Theory ist genau eine solche mächtige qualitative Forschungsmethodik. Es handelt sich um einen systematischen Ansatz, der den induktiven Aufbau von Theorie aus systematisch erhobenen und analysierten Daten betont, anstatt mit einer vorab formulierten Hypothese zu beginnen.

Entwickelt von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss in den 1960er Jahren, basiert Grounded Theory auf der Kernphilosophie „Alles ist Daten.“ Es wird ein kontinuierlicher, iterativer Prozess aus Datenerhebung, Kodierung und Analyse befürwortet, bei dem theoretische Konzepte und Beziehungen direkt aus den Daten entstehen. Dies steht im starken Kontrast zu traditioneller, deduktiver Forschung, die mit einer Theorie beginnt und diese anschließend mit Daten überprüft. Ziel von Grounded Theory ist es, eine Theorie zu entwickeln, die „bodenständig“ („grounded“) in der empirischen Welt ist und die Realitäten sowie Komplexitäten des untersuchten Phänomens widerspiegelt. Sie ist besonders geeignet, um Prozesse, Interaktionen und soziale Strukturen detailliert zu erforschen und reiche, nuancierte sowie kontextsensitive theoretische Erklärungen zu liefern.

Grundprinzipien und Prozess der Grounded Theory

Grounded Theory zeichnet sich durch ihren iterativen und systematischen Charakter aus. Mehrere zentrale Prinzipien leiten den Forschungsprozess:

  1. Theoretische Sensibilität: Die Fähigkeit des Forschers, in den Daten Wichtiges zu erkennen und diesem Bedeutung zu verleihen. Diese Sensibilität wird durch Literaturrecherche, berufliche Erfahrung und den analytischen Prozess selbst entwickelt.
  2. Ständige vergleichende Methode (Constant Comparative Method): Die zentrale analytische Strategie. Dabei werden kontinuierlich Daten mit Daten, Daten mit Kategorien und Kategorien mit Kategorien verglichen. Dieser Vergleich hilft dabei, Kategorien zu verfeinern, deren Eigenschaften zu identifizieren und Beziehungen aufzudecken.
  3. Theoretische Stichprobe (Theoretical Sampling): Die Datenerhebung wird durch die sich entwickelnde Theorie geleitet. Sobald Konzepte und Kategorien entstehen, sucht der Forscher gezielt nach neuen Daten, die diese theoretischen Konstrukte weiterentwickeln, verfeinern oder herausfordern können.
  4. Kodierung: Der Prozess, bei dem Daten auseinandergenommen, untersucht, verglichen, konzeptualisiert und kategorisiert werden. Typischerweise umfasst dies drei Haupttypen:
    • Offene Kodierung (Open Coding): Die Zerlegung der Daten in diskrete Einheiten, die genau untersucht und auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hin verglichen werden. Den Phänomenen werden Etiketten (Codes) zugeordnet, und diese Codes werden anschließend zu Kategorien zusammengefasst.
    • Axiale Kodierung (Axial Coding): Das Verknüpfen von Kategorien mit ihren Unterkategorien, verbunden auf der Ebene von Eigenschaften und Dimensionen. Dies umfasst die Identifizierung von kausalen Bedingungen, Phänomenen, Kontext, intervenierenden Bedingungen, Aktions-/Interaktionsstrategien und Konsequenzen.
    • Selektive Kodierung (Selective Coding): Der Prozess, bei dem die Kernkategorie ausgewählt wird, diese systematisch mit anderen Kategorien verknüpft wird, die Beziehungen validiert werden und fehlende Kategorien ergänzt werden.
  5. Memoschreiben (Memo-Writing): Der Prozess, bei dem der Forscher seine analytischen Gedanken, Einsichten und sich entwickelnde theoretische Ideen während des gesamten Forschungsprozesses schriftlich festhält. Memos sind entscheidend für die Entwicklung theoretischer Konzepte und deren Verknüpfung.
  6. Theoretische Sättigung (Theoretical Saturation): Der Zeitpunkt, an dem keine neuen oder relevanten Daten mehr zu einer Kategorie hinzukommen und die Kategorie gut entwickelt ist. Dies zeigt an, dass weitere Datenerhebung voraussichtlich keine neuen Erkenntnisse liefern wird.

Ablaufdiagramm der Grounded Theory

graph TD
    A[1 Forschung beginnen<br/>(Breite Forschungsfrage)] --> B(2 Erste Datenerhebung<br/>(Interviews, Beobachtungen, Dokumente));
    B --> C(3 Offene Kodierung<br/>(Konzeptualisierung, Kategorisierung));
    C --> D(4 Theoretische Stichprobe<br/>(Auswahl neuer Datenquellen basierend auf neu entstandenen Konzepten));
    D --> E(5 Ständiger Vergleich<br/>(Daten mit Daten, Daten mit Konzepten, Konzepte mit Konzepten));
    E --> F(6 Axiale Kodierung<br/>(Beziehungen zwischen Kategorien herstellen));
    F --> G(7 Memoschreiben<br/>(Analytische Gedanken und theoretische Einsichten festhalten));
    G --> H{8 Ist theoretische Sättigung erreicht?};
    H -- Nein --> D;
    H -- Ja --> I(9 Selektive Kodierung<br/>(Kernkategorie bestimmen, Theorie entwickeln));
    I --> J(10 Theoriebericht verfassen);

Wie man eine Grounded Theory Studie durchführt

  1. Breite Forschungsfrage definieren: Im Gegensatz zur deduktiven Forschung beginnt Grounded Theory mit einer breiten Frage, sodass die Theorie aus den Daten entstehen kann, anstatt ihr aufgezwungen zu werden. Ein Beispiel wäre: „Wie bewältigen Gründer von Start-ups das Spannungsverhältnis zwischen Beruf und Privatleben?“

  2. Erste Datenerhebung: Beginnen Sie mit einer kleinen, gezielten Stichprobe. Die Daten können aus Interviews, Beobachtungen, Dokumenten oder anderen für die Forschungsfrage relevanten Quellen stammen.

  3. Offene Kodierung: Sobald Daten erhoben wurden, beginnt die Kodierung. Lesen Sie die Daten zeilenweise, wortweise und ordnen Sie erste Codes (Etiketten) zu, die den Kern dessen erfassen, was gesagt oder beobachtet wird. Gruppieren Sie ähnliche Codes in vorläufige Kategorien.

  4. Theoretische Stichprobe: Basierend auf den sich entwickelnden Kategorien und Konzepten entscheiden Sie, welche Daten als nächstes erhoben werden sollen und von wem. Dies ist ein iterativer Prozess: Daten sammeln, analysieren, Lücken in der sich entwickelnden Theorie identifizieren und dann weitere Daten sammeln, um diese Lücken zu füllen.

  5. Ständiger Vergleich: Vergleichen Sie kontinuierlich neue Daten mit bestehenden Daten sowie neue Codes/Kategorien mit bestehenden. Dies hilft dabei, Definitionen zu verfeinern, Eigenschaften und Dimensionen von Kategorien zu erkennen und Beziehungen zwischen ihnen aufzudecken.

  6. Axiale Kodierung: Beginnen Sie damit, Kategorien miteinander in Beziehung zu setzen. Dies umfasst die Identifizierung von kausalen Bedingungen, Phänomenen, Kontext, intervenierenden Bedingungen, Aktions-/Interaktionsstrategien und Konsequenzen. Dieser Schritt hilft dabei, ein strukturierteres theoretisches Gerüst aufzubauen.

  7. Memoschreiben: Während des gesamten Prozesses schreiben Sie Memos. Memos sind keine bloßen Zusammenfassungen von Daten; sie sind analytische Notizen, in denen Sie Ideen entwickeln, Verbindungen herstellen und Ihr theoretisches Denken vertiefen. Sie bilden die Brücke zwischen Rohdaten und der finalen Theorie.

  8. Selektive Kodierung und theoretische Sättigung: Während sich die Theorie entwickelt, identifizieren Sie eine Kernkategorie, die zentral für die entstehende Theorie ist. Verknüpfen Sie dann systematisch alle anderen Kategorien mit dieser Kernkategorie. Setzen Sie die Datenerhebung und -analyse fort, bis theoretische Sättigung erreicht ist – also keine neuen Erkenntnisse mehr aus weiteren Daten gewonnen werden.

  9. Verfassen der Theorie: Präsentieren Sie die entwickelte Theorie klar, kohärent und gut untermauert, indem Sie die Beziehungen zwischen den Kategorien erklären und aufzeigen, wie diese das untersuchte Phänomen erklären.

Klassische Anwendungsbeispiele

Fall 1: „Awareness of Dying“ (Glaser & Strauss, 1965)

  • Szenario: Diese wegweisende Arbeit untersuchte, wie medizinisches Personal und sterbende Patienten miteinander interagieren und mit dem Bewusstsein des bevorstehenden Todes in Krankenhäusern umgehen.
  • Anwendung: Durch umfangreiche Beobachtungen und Interviews in Krankenhäusern entwickelten Glaser und Strauss eine Theorie der „Awareness-Kontexte“ (z. B. geschlossenes Bewusstsein, vermutetes Bewusstsein, gemeinsames Vorspielen, offenes Bewusstsein), die erklärt, wie unterschiedliche Bewusstseinsgrade bei Patienten und Personal deren Interaktionen und den Sterbeprozess beeinflussen. Diese Theorie entstand direkt aus den empirischen Daten und lieferte neue Einsichten in ein bis dahin wenig erforschtes soziales Phänomen.

Fall 2: Verständnis von Online-Community-Engagement

  • Szenario: Ein Forscher möchte verstehen, welche Faktoren eine nachhaltige Beteiligung in Online-Hobby-Communities antreiben.
  • Anwendung: Durch Interviews mit aktiven Mitgliedern, Beobachtungen der Online-Interaktionen und Analyse von Forenbeiträgen könnten Kategorien wie „gemeinsame Leidenschaft“, „gegenseitige Unterstützung“, „Zugehörigkeitsgefühl“, „Möglichkeiten zur Beitragsleistung“ und „Qualität der Moderation“ identifiziert werden. Durch ständigen Vergleich und Memoschreiben könnte eine Theorie entstehen, die erklärt, wie diese Faktoren zusammenwirken, um eine lebendige und engagierte Online-Community zu schaffen.

Fall 3: Karriereübergänge im mittleren Alter

  • Szenario: Eine Studie zielt darauf ab, den Prozess und die Herausforderungen zu verstehen, mit denen Individuen konfrontiert sind, die im Alter von 40 bis 50 Jahren wesentliche Karriereveränderungen durchlaufen.
  • Anwendung: Tiefgehende Interviews mit Personen, die solche Übergänge vollzogen haben, könnten Kategorien wie „auslösende Ereignisse“ (z. B. Burnout, Entlassung), „Identitätsverhandlungen“, „Erwerb neuer Fähigkeiten“, „Netzwerkstrategien“ und „emotionale Resilienz“ aufdecken. Die entstehende Theorie könnte die Phasen des Karriereübergangs im mittleren Alter und die Bewältigungsmechanismen erklären, die Individuen einsetzen.

Vorteile und Herausforderungen der Grounded Theory

Kernvorteile

  • Erzeugt kontextreiche Theorie: Liefert Theorien, die tief in empirischen Daten verwurzelt sind und für das untersuchte Phänomen hochrelevant sind, mit reichen, nuancierten Erklärungen.
  • Flexibel und anpassungsfähig: Der iterative Charakter erlaubt es Forschern, ihre Strategien zur Datenerhebung und -analyse anzupassen, sobald neue Erkenntnisse auftreten.
  • Eignet sich für wenig erforschte Bereiche: Ideal für Forschungsfragen, zu denen kaum oder gar keine Theorien existieren.
  • Fördert Forscherkreativität: Fordert Forscher dazu auf, kritisch und kreativ über ihre Daten nachzudenken und tiefere Einsichten zu gewinnen.

Potenzielle Herausforderungen

  • Zeit- und arbeitsintensiv: Der iterative Prozess aus Datenerhebung und -analyse, kombiniert mit ständigem Vergleich, kann sehr zeit- und arbeitsaufwendig sein.
  • Erfordert hohe theoretische Sensibilität: Die Qualität der entstehenden Theorie hängt stark von der Fähigkeit des Forschers ab, Konzepte zu bilden und Verbindungen in den Daten herzustellen, was erhebliche Fähigkeiten und Erfahrung voraussetzt.
  • Subjektivität und Strenge: Kritiker stellen manchmal die Objektivität und Strenge von Grounded Theory infrage, aufgrund ihres induktiven Charakters und der zentralen Rolle des Forschers bei der Theoriebildung. Befürworter betonen jedoch systematische Verfahren (wie Kodierung und Memoschreiben), um Strenge sicherzustellen.
  • Schwierigkeit der Replikation: Aufgrund ihres emergenten Charakters ist die exakte Replikation einer Grounded Theory-Studie oft schwierig.

Erweiterungen und Verbindungen

  • Qualitative Forschung: Grounded Theory ist eine prominente Methodik innerhalb der qualitativen Forschung und wird oft in Verbindung mit anderen qualitativen Methoden wie Phänomenologie oder Ethnographie angewandt.
  • Fallstudie: Grounded Theory kann innerhalb eines Fallstudien-Designs angewandt werden, um eine Theorie zu entwickeln, die spezifisch für diesen Fall ist, oder um aus mehreren Fällen eine allgemeinere Theorie abzuleiten.

Referenz: Die grundlegenden Werke zur Grounded Theory sind „The Discovery of Grounded Theory“ (1967) von Glaser und Strauss sowie nachfolgende Werke beider Autoren, insbesondere „Basics of Qualitative Research: Techniques and Procedures for Developing Grounded Theory“ (1990) von Strauss und Corbin, das detailliertere methodische Leitlinien bereitstellt.