MVP (Minimum Viable Product)¶
In der unsicheren Welt von Start-ups verbringen viele leidenschaftliche Teams Monate oder sogar Jahre damit, all ihre Ressourcen in das Entwickeln eines "perfekten Produkts" zu investieren, das in ihren Köpfen mächtig und perfekt gestaltet ist. Doch wenn das Produkt schließlich veröffentlicht wird, steht es oft einer harten Realität gegenüber: Der Markt braucht es überhaupt nicht. MVP (Minimum Viable Product) ist ein zentraler Begriff, der in der Lean-Startup-Methode eingeführt wurde, um diese Art von massivem Aufwand, der aus dem "Entwickeln im luftleeren Raum" entsteht, zu vermeiden.
MVP ist nicht gleichbedeutend mit "schlampig" oder "unfertig". Seine Definition lautet: Die Version eines Produkts mit den wenigsten Funktionen, die erforderlich sind, um es auf den Markt zu bringen und seine Kernwertversprechen mit minimalem Aufwand und in kürzester Zeit zu überprüfen. Der grundlegende Zweck von MVP ist nicht das "Produkt an sich", sondern ein Lernprozess. Es ist ein Werkzeug für wissenschaftliche Experimente, das es ermöglicht, grundlegende Annahmen über "Benutzerprobleme" und "Lösungen" schnell in den echten Markt einzubringen und mit minimalem Aufwand die wertvollsten Erkenntnisse darüber zu gewinnen, "Ist diese Richtung richtig?"
Kernidee des MVP¶
- Minimum: Es enthält nur die Funktionen, die unverzichtbar sind, um die Kernhypothese zu überprüfen. Jede überflüssige, nette-zu-haben-Funktion sollte rigoros gestrichen werden. Es zielt auf "weniger tun", nicht auf "mehr tun".
- Viable: Obwohl minimalistisch in Funktionen, muss es bedienbar sein und ein Kernproblem des Nutzers lösen. Es muss ausreichend Wert stiften, damit die ersten Early Adopter bereit sind, es auszuprobieren.
- Product: Es ist ein reales Produkt (oder sieht aus wie ein reales Produkt), mit dem Benutzer interagieren können, um reales Verhalten und Feedback zu erzeugen.
Das Wesen des MVP besteht darin, den traditionellen langen linearen Prozess von "Entwickeln -> Veröffentlichen -> Lernen" in eine schnelle, agile Feedbackschleife von "Build-Measure-Learn" zu verwandeln.
Vergleich von MVP und traditioneller Produktentwicklung¶
Stellen Sie sich vor, Ihr Ziel ist es, ein Auto zu bauen.
graph TD
subgraph Two Different Product Development Paths
direction LR
subgraph Traditional Development Model (Building a Car)
A(Step 1: Build a Wheel) --> B(Step 2: Build a Chassis) --> C(Step 3: Build a Car Body) --> D(<b>Step 4: Deliver a Complete Car</b><br/><i>Users gain no value until the last step</i>);
end
subgraph MVP Development Model (Solving the "Travel" Problem)
E(<b>First MVP: A Skateboard</b><br/><i>Though simple, it solves the core<br/>problem of "getting from A to B"</i>) --> F(<b>Second Version: A Scooter</b><br/><i>Adds "control" functionality</i>);
F --> G(<b>Third Version: A Bicycle</b><br/><i>Improves efficiency</i>) --> H(<b>Fourth Version: A Motorcycle</b><br/><i>Further improves efficiency</i>) --> I(<b>Final: A Car</b>);
note over E,I: At each stage, users get a usable product that solves a problem,<br/>and the team continuously learns and iterates from user feedback.
end
end
Wie man sein MVP definiert und entwickelt¶
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Schritt 1: Beginnen Sie mit Kernproblemen und Benutzern Stellen Sie nicht die Frage: "Welche Funktionen können wir bauen?" Sondern fragen Sie stattdessen: "Für wen lösen wir welches häufig auftretende, schmerzhafte Kernproblem?" Definieren Sie klar Ihre Zielbenutzer (Early Adopter) und deren Kernprobleme.
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Schritt 2: Skizzieren Sie die Benutzerreise und identifizieren Sie den Kernpfad Legen Sie die wesentlichen Schritte dar, die Benutzer unternehmen müssen, um dieses Problem zu lösen. Identifizieren Sie anschließend die wesentlichen Funktionen, die erforderlich sind, damit Benutzer diesen wichtigsten und wertvollsten Pfad abschließen können.
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Schritt 3: Priorisieren Sie Funktionen rigoros Listen Sie alle geplanten Funktionen auf. Verwenden Sie anschließend eine Priorisierungsmatrix (z. B. die "Wichtigkeit-Dringlichkeit"-Matrix) oder andere Methoden, um sie rigoros zu priorisieren. Fragen Sie sich: "Wenn wir diese Funktion entfernen, können die Benutzer den Kernwert des Produkts immer noch erfahren?" Ist die Antwort "Ja", dann verschieben Sie diese Funktion entschlossen auf die Liste "Zukünftige Versionen".
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Schritt 4: Wählen Sie den richtigen MVP-Typ Ein MVP muss nicht unbedingt Software sein, die programmiert werden muss. Abhängig von Ihrem Produkttyp und der Hypothese, die Sie überprüfen möchten, können Sie verschiedene "Detaillierungsgrade" von MVPs wählen:
- Landing-Page-MVP: Erstellen Sie eine einfache Einführungsseite, die Ihr Wertversprechen klar darstellt und eine Schaltfläche wie "Jetzt anmelden" oder "Erfahren Sie mehr" enthält, um das Marktpotenzial der Idee zu testen.
- "Wizard of Oz"-MVP: Aus Sicht des Nutzers glauben sie, mit einem vollautomatisierten System zu interagieren, doch in Wirklichkeit wird die gesamte Arbeit im Hintergrund manuell von den Gründern erledigt. Dies ermöglicht es, den Kernprozess und die Benutzerbedürfnisse einer komplexen Dienstleistung zu äußerst geringen Kosten zu überprüfen.
- "Concierge"-MVP: Ähnlich wie "Wizard of Oz", doch Sie geben nicht einmal vor, ein System zu sein. Stattdessen bieten Sie den ersten Nutzern direkt eine persönliche, manuelle Dienstleistung wie ein persönlicher Concierge und lernen in diesem Prozess intensiv deren Bedürfnisse und Verhaltensmuster kennen.
- Einzelne-Funktion-MVP: Entwickeln Sie nur die wichtigste und kritischste Funktion des Produkts und optimieren Sie diese.
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Schritt 5: Starten, messen und lernen Bringen Sie Ihr MVP so schnell wie möglich in die Hände Ihrer ersten Early Adopter. Überwachen Sie anschließend mithilfe qualitativer und quantitativer Methoden ihr Verhalten und Feedback. Sie müssen die Kernfragen beantworten: "Ist unsere Kernhypothese bestätigt?" "Sind die Nutzer bereit, für diese Lösung zu bezahlen?" "Was sollen wir als nächstes tun (weiter optimieren, umorientieren oder aufgeben)?"
Klassische Anwendungsbeispiele¶
Fall 1: Zappos (größter Online-Schuhhändler in den USA)
- Kernhypothese: "Sind Menschen wirklich bereit, Schuhe online zu kaufen, ohne sie vorher anzuprobieren?"
- MVP: Der Gründer Nick Swinm baute zunächst nicht ein riesiges Lagerhaus und ein Logistiksystem auf. Stattdessen besuchte er lokale Schuhgeschäfte, machte Fotos der dortigen Schuhe und lud diese anschließend auf eine einfache Website hoch. Wenn ein Nutzer eine Bestellung aufgab, ging er persönlich in das Schuhgeschäft, kaufte die Schuhe und schickte sie anschließend an den Nutzer. Dieses "Wizard of Oz"-MVP mit fast null Lagerkosten validierte erfolgreich die Kern-Geschäftshypothese.
Fall 2: Dropbox (Cloud-Speicherdienst)
- Kernhypothese: "Eine Lösung, die Dateien im Hintergrund nahtlos synchronisiert, ist für Nutzer äußerst attraktiv."
- MVP: Die Entwicklung eines wirklich nutzbaren, plattformübergreifenden Synchronisierungsprodukts war damals technisch sehr komplex und zeitaufwendig. Daher erstellte der Gründer Drew Houston ein 3-minütiges Produkt-Demo-Video. In diesem Video demonstrierte er anschaulich, wie Dropbox funktionieren würde und welche Probleme es für Nutzer lösen könnte. Er stellte dieses Video in Technologie-Enthusiasten-Foren ein und fügte eine einfache Landingpage mit E-Mail-Registrierung hinzu. Über Nacht zeigten Tausende von Registrierungen deutlich die riesige Nachfrage nach dieser Lösung.
Fall 3: Buffer (Social-Media-Management-Tool)
- Kernhypothese: "Sind Menschen bereit, für ein Tool zu bezahlen, das ihnen hilft, Social-Media-Inhalte zu planen?"
- MVP: Der Gründer Joel Gascoigne erstellte eine äußerst einfache Zweiseiten-Landingpage. Auf der ersten Seite wurde erklärt, was Buffer ist und wie es funktioniert, mit einer Schaltfläche "Pläne & Preise". Wenn Nutzer diese Schaltfläche anklickten, wurden sie auf die zweite Seite weitergeleitet, auf der stand: "Hey! Du hast uns erwischt, wir sind noch nicht ganz bereit. Gib bitte deine E-Mail-Adresse ein, und wir benachrichtigen dich, sobald wir starten." Durch die Analyse der Anzahl der Nutzer, die die "Preis"-Schaltfläche anklickten, konnte er feststellen, dass die Nutzer nicht nur an der Idee interessiert waren, sondern auch die Bereitschaft zum Kauf bestand.
Vorteile und Herausforderungen des MVP¶
Kernvorteile
- Maximierung des Lernwerts: Mit minimalem Aufwand gewinnen Sie die wertvollsten Erkenntnisse über Markt und Nutzer und reduzieren das Gründungsrisiko erheblich.
- Beschleunigung des Lernzyklus: Verkürzt die Zeit von der "Idee" bis zum "Marktfeedback" erheblich.
- Fokus auf den Kernwert: Zwingt das Team, sich auf die Lösung der wichtigsten Probleme für die Nutzer zu konzentrieren, und vermeidet es, Ressourcen für unnötige Funktionen zu verschwenden.
- Früher Aufbau von Nutzerbeziehungen: Früher Kontakt mit Early Adoptern ermöglicht es, diese zu Produktentwicklungspartnern zu machen.
Potenzielle Herausforderungen
- Missverständnis von "Minimum": Teams können sich leicht über die Definition von "Minimum" uneinig sein. MVP ist nicht gleichbedeutend mit minderwertig; es muss "brauchbar" sein und den Kernwert liefern.
- Negatives Nutzerfeedback: Durch die übermäßig einfache Ausstattung können Nutzer außerhalb der Early Adopter schlechte Bewertungen abgeben, was eine gewisse negative Auswirkung auf die Marke haben kann.
- Verlockung der Perfektion: Gründer und Entwickler verspüren oft den Drang, das Produkt perfekt zu gestalten. Der Widerstand gegen die Versuchung, "noch eine Funktion hinzuzufügen", ist eine der größten Herausforderungen bei der Entwicklung eines MVP.
Erweiterungen und Zusammenhänge¶
- Das Lean Startup: MVP ist ein zentrales praktisches Element der Feedbackschleife "Build-Measure-Learn" in der Lean-Startup-Methode.
- Design Thinking: Der Begriff "Prototyp" im Design Thinking ist eng mit MVP verwandt. Vor der Entwicklung eines MVP werden in der Regel Prototypen mit geringer Detailgenauigkeit für interne und Nutzertests erstellt.
- Agile Entwicklung: Das iterative Entwicklungsmodell von Agile bietet eine perfekte technische Unterstützung für die kontinuierliche, schrittweise Entwicklung und Verbesserung von MVPs.
Quellenangabe: Der Begriff MVP wurde erstmals von Frank Robinson eingeführt und von Steve Blank in seinem "Customer Development"-Modell weiterentwickelt. Schließlich popularisierte ihn Eric Ries in seinem internationalen Bestseller "The Lean Startup", wodurch er zum Standardbegriff in der modernen Technologie-Startup-Welt wurde.