Nutzerreise-Karte¶
Wenn wir ein Produkt oder eine Dienstleistung gestalten, ist es leicht, sich auf isolierte Überlegungen zu einzelnen Funktionen oder Oberflächen zu konzentrieren und dabei die gesamte, von Anfang bis Ende reichende Erfahrung zu übersehen, die Nutzer bei der Interaktion mit uns machen. Die Nutzerreise-Karte ist ein mächtiges Visualisierungsinstrument, das entwickelt wurde, um diese „Tunnelvision“ zu durchbrechen. Sie stellt systematisch und erzählend den gesamten Prozess dar, bei dem ein spezifisches Nutzerprofil mit Ihrem Produkt, Ihrer Dienstleistung oder Marke interagiert, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dabei dokumentiert sie nicht nur die Verhaltensschritte des Nutzers in jeder Phase, sondern enthüllt vor allem tiefgreifend die Gedanken, Gefühle und Schmerzpunkte des Nutzers während des gesamten Prozesses.
Der Kernwert einer Nutzerreise-Karte besteht darin, uns dazu zu zwingen, unsere angebotenen Dienstleistungen aus der Perspektive des Nutzers zu betrachten und zu erfahren. Sie verwandelt eine ursprünglich fragmentierte, unsichtbare Erfahrung in eine klare, intuitive und empathische visuelle Karte. Über diese Karte können Teams leicht die Hochs und Tiefs der Nutzererfahrung identifizieren, entscheidende Hindernisse finden, die zu Nutzerabwanderung führen, und innovative Möglichkeiten entdecken, um die Nutzerzufriedenheit und -treue zu steigern. Sie ist eine Brücke, die das Produkt mit der wahren emotionalen Welt des Nutzers verbindet.
Kernkomponenten einer Nutzerreise-Karte¶
Eine Standard-Nutzerreise-Karte ähnelt in der Regel einem horizontalen Swimlane-Diagramm und enthält die folgenden Kernkomponenten:
- Nutzerprofil: Wer ist der Protagonist dieser Reisekarte? Zu Beginn muss klar definiert werden, welchem Kernnutzerprofil diese Karte gewidmet ist. Unterschiedliche Nutzer können sehr unterschiedliche Reisen haben.
- Szenario & Ziele: In welchem spezifischen Szenario befindet sich der Nutzer? Welches Ziel möchte er/sie durch diese Reise erreichen? Beispiel: „Ein beschäftigter Büroangestellter (Profil) möchte während der Heimfahrt mit der U-Bahn (Szenario) ein romantisches Abendessen am Wochenende in einem westlichen Restaurant zum Geburtstag seiner Freundin (Ziel) buchen.“
- Reisephase / Stufen: Zerlegen Sie die gesamte End-to-End-Reise in mehrere Hauptphasen, die logisch aufeinanderfolgen. Für eine Einkaufsreise im E-Commerce könnten die Stufen beispielsweise so aussehen: Bewusstsein -> Überlegung -> Kauf -> Warten -> Erhalt -> Nutzung/After-Sales.
- Aktionen / Berührungspunkte: Was genau tut der Nutzer in jeder Phase? Über welche Kanäle oder Berührungspunkte (z. B. soziale Medien, App, Kundendiensttelefon, physischer Laden) interagiert er/sie mit Ihnen?
- Gedanken: Was geht dem Nutzer durch den Kopf, während er diese Dinge tut? Welche Fragen, Erwartungen oder innere Monologe hat er/sie?
- Gefühle / Emotionen: Dies ist die Seele der Reisekarte. Verwenden Sie eine emotionale Kurve, um die emotionalen Schwankungen des Nutzers in jeder Phase darzustellen – fühlt er/sie sich zufrieden, verwirrt, ängstlich oder frustriert? Dies hilft uns, rasch „Schmerzpunkte“ und „Freudepunkte“ in der Erfahrung zu identifizieren.
- Schmerzpunkte & Chancen: Basierend auf der obigen Analyse identifizieren Sie klar die entscheidenden Hindernisse, die negative Emotionen beim Nutzer auslösen (Schmerzpunkte) in jeder Phase, und entwickeln Sie entsprechende Verbesserungsmöglichkeiten.
Vorlage für eine Nutzerreise-Karte¶
graph TD
A["User Persona: Li Lei, 30, Internet Operations<br/>Scenario: Planning to book a romantic Western restaurant for his girlfriend's birthday"]
B["Awareness/Discovery"] --> C["Comparison/Consideration"] --> D["Reservation/Action"] --> E["Arrival/Experience"] --> F["Sharing/Recollection"]
G["Actions/Touchpoints<br/>- Search 'Western restaurant' on App<br/>- Browse restaurant list"] --> H["Actions/Touchpoints<br/>- Open 3 restaurant detail pages<br/>- View menu, pictures, reviews"] --> I["Actions/Touchpoints<br/>- Select one, click to reserve<br/>- Fill in reservation info<br/>- Receive confirmation SMS"] --> J["Actions/Touchpoints<br/>- Dine at the restaurant<br/>- Experience service and dishes"] --> K["Actions/Touchpoints<br/>- Share photos on social media<br/>- Write a good review for the restaurant"]
L["Thoughts<br/>'So many choices, which one is good?'<br/>'Hope to find a place with a good ambiance.'"] --> M["Thoughts<br/>'This one looks good, but reviews are a bit few.'<br/>'Menu pictures are so appealing.'"] --> N["Thoughts<br/>'Reservation process shouldn't be too complicated.'<br/>'Hope to add a note for birthday purpose.'"] --> O["Thoughts<br/>'The waiter was very attentive.'<br/>'This dish exceeded expectations!'"] --> P["Thoughts<br/>'This experience was great, must recommend to friends.'"]
Q["Emotional Curve<br/>(Stable)"] --> R["Emotional Curve<br/>(Slightly anxious)"] --> S["Emotional Curve<br/>(Anticipation)"] --> T["Emotional Curve<br/>(Peak Experience)"] --> U["Emotional Curve<br/>(Satisfied)"]
V["Pain Points/Opportunities<br/>Pain Point: Too many restaurants, information overload<br/>Opportunity: Provide 'Anniversary Selection' tag"] --> W["Pain Points/Opportunities<br/>Pain Point: Hard to judge authenticity of reviews<br/>Opportunity: Introduce 'Diner's Real Photos' feature"] --> X["Pain Points/Opportunities<br/>Pain Point: Cannot add special requests online<br/>Opportunity: Add reservation notes field"]
Wie erstellt man eine Nutzerreise-Karte¶
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Schritt Eins: Ziele und Umfang definieren Klären Sie zunächst, warum Sie diese Reisekarte erstellen. Welches Problem möchten Sie lösen? Danach bestimmen Sie das Nutzerprofil und das konkrete Szenario, das diese Karte abbilden soll.
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Schritt Zwei: Nutzerdaten sammeln Die Reisekarte muss auf realen Nutzerforschungen basieren, nicht auf der Vorstellungskraft des Teams. Datenquellen können sein: Nutzerinterviews, Usability-Tests, Umfragen, Kundendienst-Aufzeichnungen, Web-Analyse-Daten, Kommentare in sozialen Medien usw.
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Schritt Drei: Workshop organisieren, gemeinsam die Reisekarte erstellen Versammeln Sie ein interdisziplinäres Team (inklusive Produkt, Design, Entwicklung, Marketing, Kundendienst usw.) und bringen Sie alle gesammelten Nutzereinsichten (z. B. auf Sticky Notes) in den Meetingraum. Gemeinsam wird das Team die einzelnen Reisestufen sowie das Verhalten, die Gedanken und Gefühle des Nutzers in jeder Phase erzählerisch sortieren und definieren.
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Schritt Vier: Emotionale Kurve zeichnen, Schlüsselmomente identifizieren Zeichnen Sie gemeinsam die emotionale Kurve des Nutzers und identifizieren Sie die Momente der Wahrheit, die über Erfolg oder Misserfolg der Nutzererfahrung entscheiden, insbesondere die emotionalen Tiefpunkte (Schmerzpunkte) und Hochpunkte (Freudepunkte).
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Schritt Fünf: Chancen erkennen und Handlungsplan festlegen Für jeden identifizierten Schmerzpunkt brainstormen Sie konkrete, umsetzbare Verbesserungsmöglichkeiten. Priorisieren Sie schließlich diese Möglichkeiten und übersetzen Sie sie in konkrete Product-Backlog-Elemente oder Aktionspläne.
Anwendungsbeispiele¶
Fallbeispiel 1: Verbesserung der Passagiererfahrung am Flughafen
- Szenario: Ein Flughafenbetreiber möchte die allgemeine Passagierzufriedenheit steigern.
- Anwendung: Sie erstellten die Nutzerreise von „Erstfluggästen, die von diesem Flughafen abfliegen“. Durch die Analyse stellten sie fest, dass die größten Schmerzpunkte während der Phasen „Sicherheitskontrolle“ und „Suche nach dem Abfluggate“ auftraten, bei denen sich Passagiere generell ängstlich und verwirrt fühlten. Daraufhin installierte der Flughafen klarere Wegweiser, führte intelligente Sicherheitslinien ein, um die Wartezeiten zu reduzieren, und integrierte eine Echtzeitnavigation zu den Abfluggates in die App, was die Passagiererfahrung deutlich verbesserte.
Fallbeispiel 2: Optimierung der Kursabschlussrate bei Online-Kursen
- Szenario: Eine Online-Bildungsplattform stellte fest, dass viele Nutzer Kurse kauften, aber das Lernen vorzeitig abbrachen.
- Anwendung: Durch die Erstellung der Reisekarte für „einen berufstätigen Studenten, der einen Programmierkurs absolviert“, stellten sie fest, dass die Emotionen der Studierenden gegen Ende der dritten Kurswoche auf den Tiefpunkt sanken, da der Kursschwierigkeitsgrad anstieg und die Studierenden aufgrund von Arbeitsbelastung leicht ihren Lernrhythmus verloren. Um diesem Schmerzpunkt zu begegnen, entwickelte die Plattform Eingriffsmaßnahmen wie „Betreuungsdienst durch Kursleiter“, „Lerngruppen“ und „Motivationsabzeichen in der dritten Kurswoche“, was die Kursabschlussrate deutlich verbesserte.
Fallbeispiel 3: Verbesserung des Konteneröffnungsprozesses einer Bank
- Szenario: Eine traditionelle Bank möchte ihren Online-Prozess zur Eröffnung eines neuen Kontos optimieren.
- Anwendung: Die Reisekarte zeigte, dass sich Nutzer während der Schritte „Hochladen von Identitätsnachweisen“ und „Lesen der langen Nutzungsbedingungen“ sehr ungeduldig und misstrauisch fühlten, was zu einer hohen Abbruchrate führte. Daraufhin vereinfachte die Bank den Inhalt der Nutzungsbedingungen und entwickelte eine praktische Funktion, um die ID-Karteninformationen direkt über NFC auszulesen, was die Effizienz und Konversionsrate des gesamten Konteneröffnungsprozesses stark verbesserte.
Vorteile und Herausforderungen von Nutzerreise-Karten¶
Kernvorteile
- Globale Perspektive schaffen: Hilft dem Team, Abteilungssilos und funktionale Isolation zu durchbrechen, und betrachtet die Nutzererfahrung aus einer umfassenden, kohärenten Perspektive.
- Mächtiges Empathieinstrument: Ermöglicht es Teammitgliedern, insbesondere Entwicklern und Managern, die wahren Emotionen und Schmerzpunkte der Nutzer intuitiv nachzuvollziehen.
- Effektive Problemerkennung und Chancenidentifikation: Exponiert klar die Brüche und Hindernisse in bestehenden Prozessen und bietet einen klaren Fokus für Innovation.
- Förderung von Teamarbeit und Konsens: Der Prozess, eine Reisekarte gemeinsam zu erstellen, ist an sich bereits eine hervorragende Teamaktivität, die es allen Beteiligten ermöglicht, ein gemeinsames Verständnis der Nutzer zu entwickeln und sich auf einen gemeinsamen Konsens zu einigen.
Potenzielle Herausforderungen
- Repräsentativitätsprobleme: Eine einzelne Reisekarte repräsentiert in der Regel nur ein Nutzerprofil und ein Szenario. Es braucht mehrere Karten, um eine breitere Nutzergruppe abzudecken.
- Basiert auf realer Forschung: Fehlt eine reale, tiefe Nutzerforschung als Grundlage, kann die Reisekarte zu einer wünschenden „Fantasiekarte“ werden.
- Erfordert kontinuierliche Aktualisierung: Mit der Weiterentwicklung von Produkten und Dienstleistungen ändern sich auch die Nutzerreisen, und Reisekarten müssen daher als „lebende Dokumente“ betrachtet und regelmäßig aktualisiert werden.
Erweiterungen und Verbindungen¶
- Nutzerprofil: Ist die Voraussetzung für die Erstellung einer Nutzerreise-Karte. Ohne klares Nutzerprofil verliert die Reisekarte ihren Protagonisten.
- Service-Blueprint: Kann als die „Backstage-Ansicht“ der Nutzerreise-Karte betrachtet werden. Während die Reisekarte die Nutzererfahrung auf der Bühne abbildet, geht der Service-Blueprint einen Schritt weiter nach unten und beschreibt detailliert, wie Backend-Mitarbeiter, Systeme und Prozesse funktionieren und miteinander interagieren, um diese Bühnenerfahrung zu unterstützen.
- Empathie-Karte: Dies ist ein Werkzeug, das sich stärker auf die tiefere Erforschung der inneren Welt eines einzelnen Nutzers konzentriert. Es wird oft in frühen Phasen der Erstellung von Nutzerprofilen und Reisekarten für Sammlung von Materialien und Empathie-Übungen verwendet.
Referenz: Die Nutzerreise-Karte, als zentrales Instrument im Bereich des User Experience (UX)-Designs, entwickelt sich in ihren Konzepten und Praktiken ständig weiter. Jesse James Garrett, Mitbegründer von Adaptive Path, legte die theoretischen Grundlagen in seinem Buch „The Elements of User Experience“. Autoritative Organisationen wie die Nielsen Norman Group (NN/g) bieten umfassende praktische Leitfäden und Artikel zur Erstellung und Nutzung von Nutzerreise-Karten.